Wildaepfel

Dominosteine zum Nikolaustag

06.12. Nikolaustag,

Das morgendliche Hühnergackern, der nachbarliche Brüllanfall, der Blick aus dem Fenster auf die Waschbetonwand. Manche Abschiede fallen uns sehr leicht. Das Schlendern durchs Städtchen, die zufälligen Begegnungen mit Bekannten, die Plauderei im Vorbeigehen, die spontanen Verabredungen zu Spaziergängen, die Menschen, die wir seit über 20 Jahren kennen und nicht aus den Augen verloren haben. Das sind die melancholischen Grundtöne der letzten Wochen. Alles, jeder Spaziergang, jede Begegnung färbt sich in der Farbe des Abschieds. Wir sind doch nicht aus der Welt, müssen wir uns selbst beteuern. Die Corona-Maßnahmen in diesem Jahr haben uns doch gut vorbereitet und auch beigebracht, wie das geht, mit den Kontakten und Freundschaften auf Distanz.

In der nächsten Gedankenschicht stellen sich Fragen und Fantasien ein: Welche Farbe soll die Wand im Wohnzimmer bekommen, reißen wir wirklich die Veranda ab, oder warten wir noch. Wann wird meine Werkstatt fertig sein, ab wann kann ich dort arbeiten? Wie stellen wir uns bei den Nachbarn vor und was ist das Missionshaus im Ort. Gestern Morgen vor dem Aufwachen befand ich mich auf einer Entdeckungstour im Fischereihafen von Marstal, heute Morgen pflegte ich die Tomaten im Gewächshaus.

Hier, „zuhause“, in der obersten Schicht, können wir ein Häkchen nach dem anderen auf unserer Liste machen: Der dänische Anwalt hat eine Vollmacht von uns. Mit dieser lässt er uns gerade in das dänische Grundbuch eintragen. Der deutsche Anwalt sagt uns: „haltet die Füße still“. Das Geld für das Haus in Ommel ist geflossen. Die beteiligten Banken haben dabei satt zugegriffen. Mit hohen Gebühren und einem „bedauerlicherweise“ ungünstigen Wechselkurs.
Die Kabarett-Veranstaltung bei dem hiesigen Notar haben wir auch überstanden. Ich konnte mich eines anschließenden Zornesausbruches leider nicht erwehren. Geblieben ist eigentlich nur das Mitleid für einen Mann, der aus seinem anspruchsvollen Beruf so eine Kabarettnummer macht. Dem Mann ist nicht zu helfen.
Die Eigentümerwechselversicherung ist abgeschlossen, ebenso die Hausversicherung.
Den Volvo haben wir grundüberholen lassen. Den nehmen wir mit. Bevor wir diese Entscheidung fällen konnten, haben wir lange hin und her überlegt. Vor allem Gustav hat sich sehr über die unfassbar hohen Importgebühren geärgert. Besonders darüber, dass er dabei offenbar dem Gutdünken des begutachtenden Beamten ausgeliefert ist. Schließlich hat er sich Rat bei unserem Freund dem Schrauber geholt. Der hatte auch sogleich eine Idee und rief seinen alten Kumpel an, den er über 20 Jahre nicht mehr gesprochen hatte. „Ich glaube der arbeitet noch“, sagte er – und tatsächlich, nur wenig später rief unser Freund zurück. Er habe seinen alten Kumpel ausfindig machen können, es wäre super nett gewesen ihn nach so langer Zeit wieder zu sprechen, und er arbeite wirklich noch in einem Autohaus in Dänemark. Sein alter Bekannter gab den Tipp die Unterlagen von unserem Wagen einem dänischen Kollegen in einer Volvo-Werkstatt in Kolding zu schicken. Diese Werkstatt sei darauf spezialisiert Volvos für den Im- und Export flott zu machen. Und auf keinen Fall sollten wir unseren Wagen bis dahin jemals wieder waschen, im Gegenteil, je schmuddeliger der Wagen aussehe, umso moderater sei die Import-Gebühr. Das werden wir auf jeden Fall hinkriegen! Den Bus nehmen wir aber nicht mit. Stattdessen sind wir auf der Suche nach einer kreativen Lösung. Beizeiten würden wir sehr gerne wieder mit dem Bus unterwegs sein, passt er doch perfekt zu unseren Bedürfnissen. Wir haben da auch schon eine Idee!
Sogar der Spediteur ist schon beauftragt worden. Wir haben folgenden vorläufigen Terminplan gemacht: 25.01. Packen, 26.01. Laden, 27.01. Fahren, 28.01. Auspacken. Wegen der Pandemie-eindämmenden Regeln, müssen die Möbelpacker nach 72 Stunden Dänemark wieder verlassen, wenn sie eine Quarantäne vermeiden wollen. Das kommt in unserem Fall gerade hin, wenn sie einfach die Kartons und Möbel ins Haus stellen und wieder abziehen. Ich sehe uns schon in einer Kartonburg sitzen und erschöpft aber gemütlich auf das Kaminfeuer schauen.
Die 72-Stunden-Regel gilt für Privatpersonen leider nicht. Das bedeutet für uns, dass wir noch eine Lösung finden müssen, wie die Hausübergabe am 15. Januar stattfinden kann. Ich vermute, wir müssen das delegieren. Wir haben an professioneller Beratung nicht gespart, deshalb sind wir unbesorgt, dass sich eine Lösung finden lässt.

Neben Plätzchen backen und Spaziergängen mit Freundinnen und Freunden, misten wir nach und nach jedes Zimmer aus. Die Zimmer werden immer übersichtlicher und aufgeräumter, die Müllecken immer größer. Nachdem ich noch eine größere Arbeit auf Leinwand abgeschlossen habe, hat jetzt auch mein Atelier geschlossen. Zum Glück ist in meinem Zimmer im ersten Stock noch ein bisschen Platz für kleine Experimente auf Papier.

So geht es weiter Schritt um Schritt, das Leben ist ein Dominostein, lecker!

Wir wünschen euch, wenn wir uns nicht sehen, fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch. Wir melden uns hier in 4 Wochen wieder.