Spaziergang

Wir sind da!

31.01.2021 Ommel

Während wir uns in den letzten Wochen wacker durch die Zimmer sortierend und packend vorgearbeitet hatten, nahmen die Ereignisse am Freitag vor nur einer Woche rasant an Fahrt auf.
Unseren ursprünglichen Plan, Übergabe des neuen Hauses an Gustav am 27.01. in Ommel mussten wir aufgeben. Stattdessen übernahm unsere neue Freundin I. in Ommel zusammen mit dem Makler den ursprünglichen Termin am 15.01. – ein Lob auf die Freundschaft!
Inzwischen waren die Corona-Restriktionen für Dänemark noch einmal verschärft worden. Nun wurde die britische Virus-Mutation auch in Dänemark nachgewiesen. Der Besitz eines Hauses galt schon seit einer Woche nicht mehr als triftiger Grund zur Einreise. Unsere Sorgenfalten im Gesicht vertieften sich. Sowohl unser deutscher Anwalt, als auch der für uns tätige dänische Anwalt hielten in dieser angespannten Lage die Einreise nach Dänemark für nahezu ausgeschlossen. Selbst die für diese Fälle eingerichtete Hotline der dänischen Polizei machte uns keinen Mut. Einig waren sich aber alle, dass letztlich die Entscheidung über die Einreise bei dem Beamten an der Grenze läge. Also rüsteten wir uns mit allen gewichtigen, papiernen Argumenten, Kaufverträgen und so weiter. Zusätzlich schmiedeten wir einen Plan B: Wenn wir nicht nach Dänemark einreisen dürfen, dann werden wir nach Kiel ziehen, so schnell es das Kieler Rathaus erlaubt zu Schleswig-Holsteinern werden um dann einen zweiten Versuch an der Grenze zu wagen. Schleswig-Holsteiner dürfen nach wie vor ohne besonderen Grund über die Grenze. Tatsächlich – ein Lob auf die Freundschaft – gelang es uns eine möblierte Wohnung in Kiel zu reservieren. Das war ein großes Glück! Jetzt konnte uns eigentlich nichts Schlimmes mehr passieren. Um unserem Umzugswillen noch mehr Nachdruck zu verleihen, buchten wir noch einen Termin bei der Einwanderungsbehörde in Odense für den 04.02. Von der Beamtin Joanne im Rathaus Æroskøbing bekamen wir noch einen langen Brief mit Vorgangsnummer und amtlichem Briefkopf für die Grenzbeamten. Wir fanden diesen Brief sehr überzeugend. Jetzt machte ich mir kaum noch Sorgen. Meine persönliche Wahrscheinlichkeitsberechnung lag bei 80:20, Gustavs bei 60:40!
Mäßig zuversichtlich planten wir den Ablauf der Reise nach Ærø. Es war klar, dass wir die Tour wegen des vorgeschriebenen Corona-Tests und der Fährverbindungen nicht an einem Tag würden schaffen können. Eine letzte Nacht in einem schönen Hotel wäre doch ein angemessener Abschied, dachten wir uns so. Bei dem Versuch eine Hotelübernachtung zu buchen, stellte sich aber heraus, dass es inzwischen ein Beherbergungsverbot gab, das nur mit einer Sondergenehmigung des Gesundheitsamtes zu lockern wäre. Nun, auch dafür fand sich eine Lösung – ein Lob auf die Freundschaft. Wir würden mit dem Bus und dem Volvo an die Grenze fahren. D. und M., unsere Bus-Sharing-Partner, würden den Bus einige Tage später von dort nach Nienburg zurückführen.
Nun sitze ich schon in unserem Haus in Dänemark und beobachte, während ich schreibe, den Sonnenaufgang durch das Wohnzimmerfenster.
Am Freitag 22. 01., vor Sonnenaufgang, läutete die Türglocke im Meerbachweg. Ich öffnete und vor mir standen, im Dunkel der Nacht, 5 kräftige, maskierte Männer im Halbkreis. „Was für ein Auftritt“ erschrak ich, und ließ sie alle ins Haus. Ab sofort hatten sie bis nachmittags die Macht übernommen. Uns blieb einzig Kartons und Möbel, die wir noch nicht vorbereitet hatten, vor ihrem Abtransport zu retten. Was für ein Tag, und die Sonne schien dabei. Die Wohnung zeigte sich noch einmal von ihrer besten Seite.
Auch das Wochenende blieb vom Packen geprägt. Unfassbar viel Zeug sammelt sich über die Jahre an. Das allein ist schon Grund genug einmal umzuziehen. Am Montag kamen die Männer zu dritt wieder und packten bis mittags die restlichen Sachen in den Anhänger. Gustav fuhr noch zweimal um Müll und Schrott wegzubringen, dann fanden wir uns im leeren Haus wieder. Nur noch Gepäck für 3 Wochen dabei, falls wir in Kiel statt in Ommel landen sollten. Da standen wir nun. Irritiert, erschöpft, verunsichert, mit heimlichem Herzschmerz begannen wir den Wettlauf mit dem Tageslicht – wir hatten ja alle Lampen abgebaut – um die peinlichsten Ecken im Haus noch zu putzen. Da kam der zukünftige Hausbesitzer voller Vorfreude vorbei um die Räumung zu begutachten. Es klingelte das Telefon, wir hatten eine Videoverabredung mit K. und G. und an der Haustür stand eine liebe Freundin mit einer Abschiedskarte. Cool bleiben!
Mit der Nacht kam die Stille ins Haus. Wir saßen eine Weile auf dem Fußboden im leeren Wohnzimmer und horchten. Dann verzogen wir uns in unseren Bus auf dem Parkplatz vor der Meerbachhalle. Irgendwas werden wir noch gegessen haben, aber ich weiß nicht mehr was. Die frostige Mondnacht im Bus überstanden wir überraschend gut ohne zu frieren.
Noch schnell dies und noch schnell das und noch schnell selbst einen Corona-Test gemacht – negativ! Zum Glück, denn wäre der morgendliche Corona-Test positiv gewesen, hätten wir den Möbelwagen nach Nienburg umgeleitet um unseren gesamten Hausstand dort einzulagern. Dann wären wir in eine Übergangswohnung – Lob auf die Freundschaft! – gezogen, um in Nienburg die Erkrankung zu überstehen.
Erleichtert starteten wir am Dienstagmorgen mit Volvo und Bus in Richtung Flensburg. Wir kamen glatt durchs Nadelöhr Hamburg und trafen schon nachmittags in Flensburg ein. Auf der „Exe“ konnten wir einen Corona-Test mit amtlichem Siegel machen. Auch negativ, wunderbar! Danach – ein Lob auf die Freundschaft – steuerten wir gegen Abend direkt einen guten Übernachtungsplatz in Ellund bei Flensburg an, um dort eine weitere, mondhelle Nacht ohne zu frieren im Bus zu verbringen.
Mittwochmorgen, es war noch dunkel und fingerschmerzkalt, brachte Gustav die elende Umpackerei vom Bus in den Volvo hinter sich, während ich den geheizten Bus so gut es ging zur Übernahme für D. und M. klar machte. Dann fuhren wir endlich los, versehentlich über kleinste Straßen, in Richtung Grenze. Wir waren so aufgeregt! Keiner von uns sagte ein Wort, ich beobachtete wie die Hormone meinen Körper fluteten. Vor uns die Lichter des Grenzübergangs Padborg.
Anhalten, zwei freundliche, junge Grenzbeamte in ihrem Häuschen. Corona-Test, Ausweise und den Brief von Joanne vorgezeigt, kurze Frage der Grenzer: „Habt ihr den Kaufvertrag dabei?“, aber sehen wollten sie ihn nicht, kurze Beratung der Beamten untereinander, dann die lakonischen Worte, „Jo, fahrt mal!“, mit der passenden Handbewegung. Das war’s. Schweigen im Auto, Weiterfahrt. Endlich eine Möglichkeit anzuhalten. Das kann doch nicht alles gewesen sein! Doch, das war schon alles! Nachdem wir uns etwas beruhigt hatten, schossen wir erstmal die gute Nachricht an Freunde und Familie los, sicher haben wir da jemanden vergessen.
I. stand in Ommel schon bereit um den LKW und die Männer mit unseren Sachen in Empfang zu nehmen. Die sollten bereits um halb 9 an unserem neuen Haus eintreffen. Langsam wurde es hell. Wir fuhren passenderweise in dichtem Morgennebel ins Unbekannte Richtung Fynshav zur gerade gebuchten Fähre um 9:40 Uhr. Es war ein wunderschöner Wintermorgen. Kalt und diesig. Viel zu windig, wie die Möbelpacker nachher anmerken würden. Wir fanden es gar nicht windig.
Irgendwie ferngesteuert kamen wir irgendwann in Ommel an dem Grundstück an. Die Packer und I. waren schon da. Brot, Salz und Tulpen, was für ein toller, herzlicher Empfang! Dann sind wir abgetaucht in Kartons, hin und her und her und hin und auspacken und umsortieren. Eigentlich sind wir erst gestern, am Samstag, wieder aufgetaucht. Waren wir zwischendurch mal am Meer? Ja waren wir! I. kam nachbarschaftlich vorbei, der Vorbesitzer kam mit Tipps vorbei. Viel muss noch geregelt werden. Strom-, Fernwärme- und Wasser-Versorger erheben schon die Gebühren, auch die Steuer hat sich schon gemeldet. Internet will angeschlossen werden und Gebrauchsanweisungen für die Geräte im Haus studiert. Derweil ist aus der Kartonburg im Wohnzimmer ein ganz gemütlicher Ort geworden. Abends konnten wir schon am Feuer mit dem Holz von Freunden – ein Lob an die Freundschaft – am großen Kamin entspannen.
Wände und Decke müssten im Wohnzimmer auf jeden Fall gestrichen werden. Der Zustand der Wände ist deutlich schlechter, als von uns angenommen. Andere Räume hingegen könnten eigentlich so bleiben. Mal sehen, wie wir in den nächsten Tagen entscheiden werden. Jedenfalls war der Elektriker schon ganz schnell hier und schloss die Waschmaschine an dänische Stecker an. Und Licht gibt es übrigens auch! Inzwischen haben wir alle Räume auf einen improvisierten Zwischenstand gebracht, sodass ein Leben hier möglich ist. Endgültig einräumen können wir erst nach den Renovierungen, die wir ja erst jetzt und nicht vor dem Einzug machen können. Das wird alles noch eine Weile dauern.
Im Ort sind wir sicher schon wahrgenommen worden. Gelegentliches Nicken oder ein kurzes „Hej“ waren auch schon dabei. Kommende Woche werden wir uns als neue Nachbarn vorstellen.
Gleich am ersten Abend waren wir natürlich am 500 m weit entfernten Hafen mit der weißen Bank. Inzwischen haben wir auch schon die Steilküste in der Wintersonne bestaunt und sind heute mit I. zu Fuß nach Marstal gegangen. Wir fühlen uns hier sehr wohl und sind glücklich angekommen. Unser Glück können wir noch nicht ganz fassen.
Die kommenden Wochen werden weiter vom Einräumen und Renovieren geprägt sein. Wir melden uns wieder. Allen nochmals herzlichen Dank für alles!!
Tak for alt. Vi ses
Hilda und Gustav