Geretteter Teddy

Märzenbecher und tote Fische

7. März 2021

Seit gestern Abend gibt es im Wohnraum nur noch einen einzigen Umzugskarton und der versteckt sich hinter dem Sofa. Wir genießen den großen Wohnraum mit Küche, Esszimmer und Wohnzimmer in einem Raum. Mittendrin der große Kaminofen, der sowohl von der Küche als auch vom Wohnzimmer aus zu befeuern ist. Abends, wenn der Ofen an ist, wird die Küche vom Feuer beleuchtet. Morgens flutet die Sonne das Zimmer und nachmittags findet die Sonne noch ihren Weg durch die wuchernden Pflanzen, in den Wintergarten bis ins Wohnzimmer hinein. Ja der verwilderte Garten ist der nächste Gipfel, den wir stürmen müssen. Obwohl wir in Ruhe abwarten wollen, was der Garten uns bieten möchte, müssen doch einige Büsche gestutzt werden, bevor sie alles zuwuchern. Auch die Nachbarn hoffen schon auf einen Eingriff im Garten. Wir sind im Moment nur ratlos, wie wir das schaffen sollen. Kommende Woche finden wir hoffentlich einen Gärtner, der uns helfen kann. Hier und da habe ich schon etwas ausgeschnitten, vor allem aber habe ich das hohe Hundegatter abgebaut und den Jägerzaun ermordet. Hinter einem Jägerzaun leben, das kann ich nun doch nicht aushalten – in Dänemark nicht und auch nicht anderswo.

Wie ihr merkt sind wir schon auf halbem Weg in den Alltag. Das war ein langer Weg. Er begann am 4.Februar mit einem Ausflug mit Auto und Fähre zur Einwanderungsbehörde SIRI in Odense. Ein interessanter Einblick in diese Welt. Wir hatten den Eindruck, wir werden durch den Hintereingang durch ein finsteres Treppenhaus in das Behördengebäude geschleust. Auch drinnen war es alles andere als gastlich. Gleichen sich die Ausländerbehörden in Europa? Obwohl Gustavs Dokumente nicht mehr frisch genug waren – der unbefristete Rentenbescheid war im Oktober ausgestellt und damit für den SIRI nicht mehr gültig – bekamen wir die gewünschte Einwanderungserlaubnis.

Mit dieser Einwanderungserlaubnis konnten wir uns einige Tage später im Rathaus Ærøskøbing anmelden. Es dauerte nicht lange, bis wir die Anmeldebestätigung erhielten. Mit ihr kam die hier so immens wichtige gelbe Versichertenkarte mit der CPR-Nummer. Mit der gelben Versichertenkarte nimmst du an dem staatlichen Gesundheitssystem teil. Schon im Rathaus mussten wir uns für einen der zwei auf Ærø tätigen Hausärzte entscheiden. Dieser ist auch auf der Karte notiert. Mit der nächsten Post kam gleich die Aufforderung an den Krebsvorsorgeuntersuchungen für Brustkrebs, Gebärmutterhalskrebs und Darmkrebs teilzunehmen. Für die Darmkrebsuntersuchung kamen sogar die Teststreifen per Post, die du dann nur im adressierten Umschlag zurückschicken sollst. Das hat uns beeindruckt. Insgesamt beeindruckt uns, wie digitalisiert alle behördlichen Abwicklungen und der Alltag sind.

Ohne die CPR-Nummer kann keine Behörde, Versicherung und kein Versorgungsunternehmen etwas mit dir anfangen. Zum Glück waren alle Mitarbeiter an den diversen Hotlines immer freundlich und zuvorkommend. Mit englisch konnten wir uns überall verständlich machen. Wir haben lange nicht mehr so viel englisch gesprochen, wie in den letzten 4 Wochen. Ohne CPR-Nummer gibt es nicht mal ein dänisches Bankkonto. Bis letzten Montag hatten noch alle Banken geschlossen. Unter diesen Bedingungen ein Konto zu eröffnen ist immer noch nicht gelungen. So bezahlen wir unsere Rechnungen immer noch per SEPA-Überweisung aus Deutschland – leider trifft man nie den genauen Betrag in Kronen, was wieder zu viel Verwirrung bei allen Beteiligten führt… Aber nächste Woche könnte es klappen, dann können wir am digitalen Bezahlservice teilnehmen. Praktischerweise ist die CPR-Nummer identisch mit der Steuernummer und auch die Gesundheitsdaten werden damit verknüpft. Solche Ideen haben in Deutschland ja berechtigterweise heiße Diskussionen ausgelöst. Hier ist es einfach so, basta. Inzwischen war der alte Volvo auch in der Werkstatt und bei der technischen Untersuchung – jetzt warten wir auf die Bekanntgabe der Registrierungsabgabe, mal sehen ob unsere Rechnung aufgeht: Altes Auto = geringe Importgebühr. „Das Auto hat dänisch gelernt“, heißt es hier auf der Insel, wenn das Kennzeichen ein dänisches wird.

Für das Haus hatten wir inzwischen einen Maler gefunden, der unseren Wohnraum von Grund auf renovierte. Innerhalb einer Woche waren die alten miefigen Tapeten und hässlichen Fototapeten endlich der Vergangenheit überantwortet. Zum Vorschein kam ein heller, freundlicher Raum.

Draußen schmolz das Eis dahin, es kamen ein paar frühlingshafte Tage, die alle Dorfbewohner in die Gärten lockten – und die toten Goldfische an die Teichoberfläche. Der Teich, der sich im Garten vor dem Haus befindet, sorgte wegen der erfrorenen Fische ein paar Tage für Aufregung im Ort. Sogar der Vorbesitzer, der auch den Teich angelegt hatte, kam vorbei um uns zu beraten. Über die Gärten hinweg gab es schon erste nachbarschaftliche Plaudereien mit der sehr netten Nachbarin I., die in ihrem Garten sehr aktiv ist. Gerade wird dort ein Feld zwischen den Obstbäumen angelegt. Was dort wohl angebaut werden wird? Wir werden es bald erfahren. Es ist hier auf der Insel gute Sitte, dass die nicht gebrauchten Erträge aus Garten und Haus, angefangen bei den Hühnereiern bis hin zu handgestrickten Wollsocken, in kleinen Buden vor dem Grundstück für wenig Geld feilgeboten werden. Ich entdeckte in unserem Garten die ersten Winterlinge, große Horste Schneeglöckchen, sogar gefüllte, wunderschön, und vor wenigen Tagen Märzenbecher. Die Haselbüsche haben schon rote und gelbe Kätzchen und jeden Tag werden die Knospen an den Forsythien praller. Es wird also langsam eilig einen Gärtner zu finden.

In Nienburg standen unsere Bücher in Einbauregalen im Wohnzimmer. Dieser Stauraum fehlte uns jetzt natürlich. Wir bestellten also im Internet Regale bei Ikea. Die Läden hatten ja auch hier alle geschlossen. Nur dienstags kommt eine Lieferung von Ikea nach Ærø. Am letzten Dienstag kam dann unsere Bestellung in 49 Paketen bei uns an. Ihr könnt euch denken, was wir seitdem gemacht haben. Und wir haben es geschafft! Nur noch ein einziger Karton steht im Wohnzimmer –  
in den anderen Zimmern finden sich allerdings noch etliche…

Der nächste Meilenstein, den wir mit Spannung erwarten, ist der Einbau der Fenster in meiner zukünftigen Werkstatt. Hier haben wir auch unseren Plan angepasst. Der Dachstuhl wird nicht erneuert. Nach nochmaliger Prüfung der Firsthöhe, habe ich entschieden, dass der Raum für meine Arbeit hoch genug ist. Das spart uns auch viel Zeit und Geld. Stattdessen werden, angepasst an den Terminplan von Tischler E., die Fenster demnächst eingebaut und zum Ende des Sommers die Dämmung. Bald werde ich in die Werkstatt einziehen können. Dann, wenn es warm wird, kann ich auch ohne Dämmung in dem Raum arbeiten. Das kleine Zimmer, in dem ich jetzt gerade schreibe, ist sehr gemütlich. Das Eis ist fort, die Sonne hat schon Kraft. Vor ein paar Tagen war es schon so mild, dass ich draußen zeichnen konnte.

Alles ist hier noch ganz neu und auch oft fremd. Die Insel ist ein wunderbarer Ort zum Leben, Sein und Arbeiten. Wir sind ja erst ein paar Wochen hier und das alles unter Corona-Bedingungen. Verglichen mit den Erzählungen, die wir aus Nienburg, Kiel, Hamburg und anderen Orten hören, haben wir es hier sehr komfortabel. Im täglichen Umgang ist Corona hier gefährlich wenig zu spüren. Allerdings sind Gustav und ich hier auch in keinem Verein, keiner Galerie oder Chor aktiv, der jetzt ausfallen muss. Wochenlang war die Inzidenz auf null, gestern stieg sie sprunghaft auf 17, weil es hier jetzt einen Infizierten gibt. Seit Montag haben alle Läden wieder geöffnet, was ich selbst noch nicht bemerkt habe, Gustav war aber einmal im Baumarkt. Es ist schon eine große Erleichterung dort schnell mal etwas besorgen zu können. Die Unterschiede zur deutschen Politik können wir hier gut erkennen. Die Regierung in Kopenhagen, mit Mette, wie die Staatsministerin von den Dänen genannt und angesprochen wird, an der Spitze, kann bis ins kleine Ommel durchregieren. Es gibt keine föderalen Abspracherunden. Die Öffnung der Läden wird unter Vorbehalt versucht. Wenn die beobachteten Effekte sich negativ auf die Infektionszahlen auswirken, werden die Öffnungen ebenso schnell wieder zurückgenommen. Sie wurden von vorneherein als Versuch mit kalkuliertem Risiko angekündigt.

Mit unseren geringen Dänisch Kenntnissen versuchen wir täglich die TV-Nachrichten zu entschlüsseln. Wir nehmen wahr, dass der Impfstoff-Vorstoß mit Israel und die Tötung der Nerze hier kontrovers diskutiert werden. Viele Themen sind uns irgendwie geläufig, andere Nachrichten sind dagegen völlig rätselhaft….

Heute Nachmittag haben wir unsere zweite dänische Unterrichtstunde bei P., einer sehr netten Dame aus dem Dorf. Sie spricht fließend Deutsch, weil sie viele Jahre lang als Dozentin für interkulturelle Kommunikation in Deutschland tätig war. Freiwillig und unentgeltlich in Nachbarschaftshilfe gibt sie uns beiden Dänisch Unterricht. Ein großes Willkommensgeschenk.

Weil es hier so unfassbar schön ist und das Meer immer wieder anders aussieht habe, ich wieder eine kleine Fotosammlung gepostet. Diesmal habe ich es mit einer anderen Galerie versucht, ich hoffe es gefällt euch besser: HIER

Dieses Mal haben wir den Text zusammen geschrieben. Gustav und Hilda