Komm mit ans Meer

03.Mai 2012

Heute ist ein schöner Tag, am Himmel großes Wolkentheater, ein frischer Wind weht und meistens gewinnt die Sonne. Komm mit, wir gehen spazieren. Mit dem alten Volvo fahren wir 10 Minuten an den südwestlichen Ortsrand von Marstal. Hier liegt Eriks Hale. Eine lange Landzunge, die sich um den Lystbådehavn von Marstal beinahe schließt. Die Sonne scheint, es ist elf Uhr am Vormittag, wir haben den Strand noch für uns ganz allein.

Im Sommer ist hier viel los. Es ist ein richtiger Badestrand mit schönem, weißen Sand. Vorbei an den Badehäuschen weht uns der Südwind von der rechten Seite an. Aber es ist nicht kalt und das Plätschern der kleinen Ostseebrandung klingt nach Sommerferien. Es riecht nach Sand, Seegras, Algen und Salzwasser. Die Hundsrosen auf der Düne zeigen gerade erst ihre ersten, grünen Blätter. Gut, dass wir noch die warme Winterjacke tragen und eine Mütze aufhaben. Übernächste Woche soll es in Deutschland 31 Grad werden. Kaum zu glauben. Die Badehäuschen links von uns sind sehr berühmt. Dieses Prachtstück hier, mit dem Strohdach, kannst du mieten um dort deine Traumhochzeit zu erleben. Ansonsten sind alle seit Generationen im Privatbesitz und werden mit viel Liebe gepflegt und erhalten. In Ærøskøbing gibt es noch mehr Badehäuschen, die ebenso schön sind wie diese. Im Sommer werden wir sehen können, wie sie genutzt werden. Draußen sehen wir Langeland. Es sieht so nahe aus, als könne man hinüberschwimmen. Aber das täuscht.

Die Fähre von Marstal nach Rudkøbing auf Langeland braucht mindestens eine Dreiviertelstunde. Von dort aus sind wir das erste Mal nach Ærø gekommen. Das war im Spätsommer letzten Jahres. Das ist gar nicht lange her. Nun leben wir schon 100 Tage hier. Wir sind zwar müde und manchmal auch ein bisschen einsam, aber wir haben es noch keinen einzigen Tag bereut. Vor zwei Tagen erst sprachen wir darüber und ja, wir haben beide das Gefühl, wir sind am richtigen Platz.

Wenn wir gleich um die Biegung gehen, haben wir den Wind im Rücken. Es wird stiller und wärmer. Zu beiden Seiten erstrecken sich jetzt die Salzwiesen. Sie erinnern mich an die Wattseite von Sylt, eine glückliche Kindheitserinnerung. Und die Lerchen! Sie singen. Als ich die Lerchen hier das erste Mal hörte, merkte ich, dieses Geräusch hatte ich lange vermisst. Nun ist es wieder da. Ganz schön hektisch diese kleinen Vögel. Dahinten sehen wir jetzt schon das alte Backhaus. Backhäuser am Hafen sind auf Ærø nicht ungewöhnlich. Auch in Ærøskøbing gibt es eines auf dem Kai. Sie kommen aus der Zeit, als der Hafen voller Holzschiffe lag. Damals war es streng verboten im Hafen auf den Schiffen ein Feuer zu machen. So wurde in den Backhäuser das Essen zubereitet. In Ærøskøbing kann man in dem alten Backhaus jetzt grillen.

Hier am Ende von Eriks Hale können wir uns gemütlich hinsetzten. Neben dem Backhaus gibt es Picknickbänke, Grillroste und einen windgeschützten Platz. Er ist auch für Boote über den kleinen Steg zu erreichen. Der Jachthafen liegt jetzt so nah, dass man auch herüberschwimmen könnte. Von hier siehst du jetzt auch die spektakulär riesige Mole bis zum Ende. Der Stolz der Stadt. Angeblich wurde jeder Stein von Hand getragen und zur Mole aufgeschichtet. Die Mole veränderte den Hafen und machte den großen Erfolg, den Marstal mit seinen vielen Schiffen hatte, erst möglich. Heute ist es vor allem der große Jachthafen. Aber auch auf dem Werfthafen sind noch Aktivitäten. Das mag ich an diesem Hafen. Auch Ærøskøbing und Søby sind gemischte Häfen. Dienstags und donnerstags kannst du dir im Hafen Plattfische direkt vom Kutter kaufen. Vor uns liegt der kleine Seefahrerort Marstal. Der Ort der zuhause gebliebenen Frauen und Kinder. Sie sollen sehr selbstbewusst gewesen sein, die Frauen von Marstal, heißt es. Siehst du das blaue Gebäude dort am Ufer. Das ist eine Werft. Es heißt, eine junge Schiffbauerin habe sie gerade gekauft und will den Werftbetrieb wieder aufnehmen. Der erste Auftrag sei die Instandsetzung einer alten Stahljacht.

Und da liegt die M/S Andreas Gayk – als wir das erste Mal hier waren stutzen wir. Andreas Gayk? Gustav hat das Schiff sofort erkannt – es gehörte zum Inventar der Kieler Förde zu Rudererzeiten als Schüler. Für ihn war das Auffinden der alten Bekannten so ähnlich wie damals das Auftauchen der M/V Galaxy im Kieler Hafen.
Ein Stück weiter rechts siehst du beinahe den Fähranleger. Zurzeit gibt es hitzige Diskussionen über das Grundstück neben dem Anleger. Es geht darum, ob und wer hier einen Supermarkt oder einen Discounter aufmacht. Kommt uns irgendwie bekannt vor, oder?

Komm lass uns zurück gehen. Ich kriege Hunger. Hast du Appetit auf ein Hotdog? Die Bude am Hafen hat immer geöffnet. Durch alle Corona-Restriktionen war die Hotdog-Bude immer ein sicherer Anlaufplatz für Hungrige.
Jetzt bläst uns der Wind so richtig ins Gesicht. Es hat aufgefrischt. Morgen soll es Sturm gebe. Ich finde es herrlich und freue mich auf den Sturm. Lass uns auf der Südseite gehen. Hier ist es windiger und wir hören die Wellen und sehen das Glitzern. Das Licht, der Wind, der Sand, die Geräusche, der Blick in die Ferne  –  es ist so schön hier! Es ist unfassbar, dass wir hier wohnen und leben können.

Jederzeit können wir aus den Provisorien zuhause in die Landschaft gehen um uns zu vergewissern, warum wir hier sind.
Siehst du da hinten die Steilküste?

Wenn du genau hinsiehst erkennst du auch die Windräder. Die 4 Windräder auf Ærø produzieren die gesamte Elektrizität für die Insel. Dabei sind es gar nicht so viele, sie fallen kaum auf. Dazu kommen noch die Fernwärmeanlagen. Wir sind vorhin daran vorbeigefahren. Für den Bereich Marstal gibt es eine Anlage, die zu 55% aus Sonnenenergie gespeist wird. Der Rest wird von einem Blockheizkraftwerk und einer Wärmepumpe geliefert. Ærø ist stolz auf seine Energiepolitik. Die mit auf der Insel gewonnenem Strom betriebene Fähre Ellen fährt von Søby nach Fynshav. Möglicherweise kann die Søby Værft weitere dieser Fähren bauen und verkaufen.

Jetzt sind wir schon wieder bei den Badehäuschen, gleich sind wir am Auto, noch ein Päuschen auf der Bank mit Meerblick?
In unserem Haus ist immer noch nicht alles so, wie es mal sein soll, mein Atelier ist noch nicht in Betrieb. Vielleicht, vielleicht werden die Fenster diese Woche eingebaut. Wenn mein Arbeitsplatz funktionsfähig ist, meine Pinsel ausgepackt, dann bin ich angekommen. Es gibt viele Planungen: Autostellplatz, Garten, Gästezimmer. In jeder Ecke ein Aufruf zur Arbeit. Da hilft manchmal nur abhauen! Und dann kommt auch schon die Saison und der Sommer und mit dem Sommer hoffentlich viele Gäste zu uns! Bis dahin werden wir wohl auch schon geimpft sein. Das läuft hier ja gut organisiert. Jetzt hat sich die Regierung sogar erlaubt auch den Johnson & Johnson Impfstoff nicht zu verimpfen, weil die Forschungen zu den Nebenwirkungen noch nicht abgeschlossen sind. Das kann das Land sich nur erlauben, weil die Zahlen so gut sind. Sogar in den Hotspots geht die Inzidenz zurück. Auf der Insel sind, glaube ich, gerade zwei Infizierte.

Ach, sieh mal, unser Auto hat dänisch gelernt! Das war ein langer Weg, der jetzt auch geschafft ist. Die berüchtigte Registreringsafgift in Höhe des Zeitwertes haben wir abgedrückt und nach Bremsenreparatur und bestandener technischer Prüfung gab es dann dänische Nummernschilder. Wenn der Wagen weiter durchhält sollte die Rechnung aufgehen…

Und wie geht es dir? Bleiben wir noch ein Weilchen hier…