Der Sommer fährt dahin

...Zur Umarmung mit dem Gestern
Klingen meine Lieder klug
Du und deine weißen Schwestern
Folgen diesem Schwanenzug
Und die Illusion der Lerchen –
Nah der Sonne überm Feld –
Soll ich sie entlarven? Märchen
Braucht diese bedrohte Welt
Doch der Sommer fährt dahin
Fährt dahin, fährt dahin ...

Hannes Wader hat es gesungen, hat er es auch getextet?

17.09.2021

Die Schatten sind lang geworden. Wenn uns der riesige Erntewagen mit dem geschredderten Mais auf der schmalen Straße entgegenkommt, zwängen wir uns mit dem alten Volvo zwischen Straße und Graben. Hinter dem Steuer des respekteinflößenden Wagens sitzt ein junger Mann und grüßt freundlich mit einem knappen Winken der rechten Hand. Wir kommen am Mittag von der Sprachschule. Die Sprachschule ist eine feste Bank in unserem Wochenrhythmus. Dort versuchen wir sinnvolle Sätze zu formen und lernen nette Neubürger aus verschiedenen Ländern kennen. Im Sommer hatten wir bei gemeinsamen Ausflügen viel Spaß miteinander. Da war die Tour mit dem Segelboot, der Besuch auf den Höfen und Betriebsstätten der Mitschüler*innen. Ja, beim Schreiben fällt es mir wieder auf: die dänische Sprache umschifft elegant die komplizierte Gendersprache, die uns allen im Deutschen viel Geduld abverlangt. So wird durch den Umzug in ein anderes Land ein Problem einfach vom Tisch gewischt, als hätte es nie existiert.

Es war ein wunderschöner Sommer, der schnell vorüberging. Wir hatten viele Gäste in unserem Haus oder in einem nahen Quartier. Wir haben viele unserer Freunde wiedergesehen und Zeit zum Klönen und für Ausflüge gehabt.

Ærø hat so Einiges zu bieten in der Hochsaison. Davon konnten wir auch profitieren. Wie sich herausstellte blieb das kleine Dorf Ommel, in dem wir leben, im Windschatten der Touristenströme. Hier und dort stand ein Wohnmobil, der Naturcampingplatz direkt am Strand war gelegentlich mit Zelten belegt und im Ort liefen plötzlich Menschen in bunten Sportklamotten herum. Das waren die „Kopenhagener“, die sich morgens ertüchtigten. Auf der Fahrradroute 92, die direkt an unserem Haus vorbeiführt, kamen von Zeit zu Zeit Urlauber auf Fahrrädern vorbei. Manchmal hielt jemand und schaute ins Atelier, wenn ich die Tür offen stehen hatte.

Von dem erwarteten Trubel auf einer überfüllten Insel haben wir wenig mitbekommen. Allerdings konnten wir auch die Orte und Zeiten vermeiden, an denen es besonders voll war. Die Tourismusbranche war jedenfalls hochzufrieden. Es waren viele Gäste da, aber alle konnten noch gut versorgt werden. Die Fährgesellschaften hatten ihre Taktik umgestellt. Jeder Fahrgast musste buchen und zahlen, den Fußgängern und Radfahrern wurde der Betrag zurücküberwiesen. Ein überraschend aufwendiges Verfahren, aber scheinbar hat es gut funktioniert.

Mit unseren Gästen erkundeten wir weiter die Insel bei schönstem Wetter.

Zweimal reiste ich in diesem Sommer nach Deutschland. Das erste Mal im August, um an meinem geliebten Seminar in Wolfenbüttel teilzunehmen und einmal im September um meine Abschiedsausstellung in Nienburg aufzubauen und zu eröffnen. Es waren zwei sehr intensive Zeiten. Dennoch fiel mir die Rückkehr auf die Insel nicht schwer. Es ist der richtige Ort zur richtigen Zeit.

Nun wird es bald noch ruhiger auf der Insel. Der Sommer fährt dahin. Es verbreitet sich überall der Duft von faulen Äpfeln. Ich glaube so riecht hier der Spätsommer. Alles wartet auf die mobile Mosterei, die ihr Kommen in der Zeitung schon groß angekündigt hat. Ich freue mich auf eine intensive Zeit im Atelier. Gustav macht sich auf die Suche nach einem Tuckerboot mit dem wir die Inselwelt erkunden können. Dazu hat es auch schöne Geschichten gegeben! Im Haus und im Garten gibt es viel zu tun. Mitte Oktober kommt der Tischler. Dann beginnt die nächste und letzte Ausbaustufe in meinem Atelier. Dazu müssen alle Sachen nochmal raus und im Wintergarten zwischengelagert werden, und das sind viele!!

Ich liebe den Altweibersommer. Genießen wir ihn noch einmal aus vollen Zügen, dann sind wir gut auf den Winter vorbereitet, sagt Frederic, der Mäuserich. Neulich flatterte das Faltblatt vom Dorfverein ins Haus. Es werden viele Aktivitäten im Dorfgemeinschaftshaus angeboten. Von der gemeinsamen Fahrradtour bis zum Umtrunk am Neujahrstag ist alles dabei. Wir brauchen nur ein bisschen Mut schlechtes Dänisch zu sprechen, dann werden wir hier mit offenen Armen aufgenommen.