Glædelig jul

13.12.21

Nur kurz war die Zeit, in der wir uns sorglos das eine um das andere Mal mit Schulkameraden aus der Sprachschule in einer Kneipe treffen konnten. Wir haben es sehr genossen, es war irgendwie wie früher! Die Kneipe war wie früher und der Umgang miteinander war wie früher, nur dass es jetzt drei- bis viersprachig hin und her ging. Uns macht es viel Spaß und es ist eine tolle Erfahrung, die den Blick weitet, wenn wir gezwungen sind mit mehreren Sprachen zu jonglieren. Unser Dänisch wird auch langsam besser. Jedenfalls sind wir manchmal erstaunt, was wir gerade wieder verstanden haben. In der Schule haben wir schon den Modultest 2-2 bestanden, im Februar kommt 2-3….
Nun ist die Pandemie auch auf der Insel angekommen. Zwischenzeitlich gab es auch hier eine Inzidenz von 500.

Die Sprogskole, die nach wie vor viel Zeit in der Woche in Anspruch nimmt, unterrichtet nur noch Menschen mit gültigem „Coronapas“ (entspricht 3G in Deutschland) seit die Infektionszahlen so stark gestiegen sind. Das hat die Schülerzahl überraschenderweise deutlich dezimiert. Wie ihr euch vorstellen könnt, gab es dazu etliche interessante und schwierige Gespräche. Gustav und ich agierten als gutes Team, als wir eine sehr nette Klassenkameradin, die sich als Impfgegnerin herausstellte, auf der Fähre trafen. Gustav erklärte und erwog in aller Geduld alle offenen Fragen und versuchte geschickt Zweifel an der Impfskepsis zu säen, während ich auch scharf und moralisch argumentierte. Ob wir etwas bewirken konnten? Wir wissen es nicht, viel Hoffnung gibt es nicht. Die Insel scheint für Einige ein Fluchtpunkt vor den Corona-Regeln in Deutschland zu sein. Das finde ich sehr ärgerlich und ich schäme mich dafür. Das nennt man wohl fremdschämen. Eigentlich ist es traurig. Wir hingegen sind bald dran mit der dritten Impfung und froh darüber.

Neben Gartenarbeit und Dänisch lernen haben wir im Herbst auch einfach mal Pause gemacht. Nachdem wir uns über unsere vorerst letzte Besucherin gefreut hatten, sind wir nach Svendborg gefahren, um die Stadt kennenzulernen, sind viel spazieren gegangen und haben alles ein bisschen langsamer gemacht. Svendborg ist ein nettes, kleines Städtchen mit tollen Einkaufsmöglichkeiten, die wir erst jetzt langsam entdecken. Im kommenden Sommer werden wir sicher gelegentlich dorthin fahren. Vielleicht zu einem Konzert am Hafen oder einfach nur zum Flanieren. Mit etwas Glück kann man den Delfin „Delle“ erleben. Ich bin sicher, das bringt Glück. Seine Purzelbäume lassen das Herz hopsen.

So manchen Plan im Garten haben wir verschoben, aber die Zwiebeln habe ich gesetzt und einige Stauden von Nachbarn bekommen oder an einer Straßenbude erstanden. Die Gartenideen entstehen auch erst nach und nach. Für Februar haben wir jedenfalls noch einmal den Gärtner mit den großen Maschinen bestellt. Er muss uns noch einmal helfen.

In diesem Herbst haben wir bereits an der Kommunalwahl teilnehmen können. Gustav liest täglich die Tageszeitung und ist bestens informiert über die örtliche Politik. Sein Sprachlehrer bescheinigt ihm eine hervorragende Lesekompetenz. Das hat bei den Wahlen uns beiden geholfen! Von ihm erfahre ich alle Neuigkeiten über die Entscheidungen der Kommune, die teilweise nicht unumstritten sind.

Unsere Reise nach Deutschland, diesmal ging es nach Kiel, fand einen skurrilen Abschluss auf einem finsteren Parkplatz hinter Sonderburg. Hier waren wir verabredet mit einem LKW von Ikea, bei dem wir bestellte Waren abholen wollten. Und tatsächlich fanden wir uns im Dunkeln in einer Warteschlange an einem LKW wieder. Im Handy hielten wir bereits die passenden Codenummern parat. Als wir an der Reihe waren, wurden uns alle bestellten Pakete lässig übergeben. Das war wirklich neu für uns. Aber die logistischen Probleme in der dänischen Provinz wurden souverän gelöst und wir hatten unsere Tischböcke. Hut ab!

Ich bade immer noch in der Ostsee. Meine Wette mit mir selbst ging nur bis zum 9. November und jeden Morgen gewinne ich wieder! Das Wasser war schon mal 4 Grad kalt und manchmal pfeift der Wind scharf. Aber ich habe einen neuen Bademantel und inzwischen auch wärmende Badeschuhe. Vor allem aber habe ich Mitstreiterinnen und das ist ein großes Glück.

Meine Begeisterung für das Weben am Gatterkamm ist ungebrochen. Wenn es Abend wird und ich zu müde für alles andere bin, webe ich mit feinem, weichem Garn warme Schals, die nicht viel mehr als ein zarte Umhüllung der Luft sind. Wenig mehr als 50 Gramm wiegt ein Schal mit fast 2 m Länge und beinahe 40 cm Breite. Es gibt so viele Möglichkeiten die Farben zu kombinieren, ich werde nie alle ausschöpfen können.

Irgendwie hatte sich das mit den Schals aus Luft herumgesprochen. Inzwischen habe ich 13 Schals gewebt, von denen die meisten Auftragsarbeiten begeisterter Däninnen waren. Darauf bin ich ganz stolz und habe immer noch viel Spaß an dem Spiel mit Farben und Mustern. Das Auftragsbuch ist auch schon fast abgearbeitet. Es geht ja auch schnurstracks auf Weihnachten zu.

Neben dem Weben habe ich auch das Brotbacken für mich entdeckt. Eben kam mein erstes Ciabattabrot, gebacken mit einem dänischsprachigen Rezept, aus dem Ofen.

Ja, ist es weihnachtlich geworden auf der Insel. Ich liebe den Anblick der Lichterketten, die sich abends in dem kleinen Teich bei den Schafen spiegeln. Ærøskøbing hat sich weihnachtlich herausgeputzt. Das ist nicht schwer, sieht der Ort ja schon ohne Putz aus wie ein Puppenstädtchen. Auf dem Weihnachtsmarkt gibt es Buden mit Glühwein, Kunsthandwerk und Vereinen, nicht viel anders als in dem weihnachtlich herausgeputzten Städtchen Nienburg. Anders als in Deutschland sind hier die kleinen Wichtel, die sich Jule-Nissen nennen, allgegenwärtig. Sie haben rote Mützen auf, sind klein, freundlich und in allen geschmacklichen Varianten überall erhältlich. Ich habe hier sogar schon umfunktionierte deutsche Gartenzwerge als Weihnachtsdekoration entdeckt. Das ist eine nette Art der Migration und Integration. Zuversicht ist also angebracht. Engel findet man hier übrigens gar nicht. Auf dem Ærøskøbinger Weihnachtsmarkt verkauft auch Gundi Bindernagel ihre wunderbare Keramik aus Ærøer Erde: atelierimquellental.de. Sie hat ihr Atelier jetzt nach Ærø verlegt.

Der Weihnachtsmann mit seinen Assistenten, den Nissen, kommt alljährlich in Marstall mit dem Schiff „Samka“ an. Leider haben wir dieses freudige Ereignis verpasst, weil wir erst hinterher davon erfuhren. Nächstes Jahr werden wir rechtzeitig im Hafen von Marstall sein.

Zum Nikolaustag, den ich in Erinnerung an meine Mutter so sehr mag, bekamen die Nachbarn und die Badedamen heimlich ein paar Plätzchen und Nüsse. Daran hatte ich viel Spaß. Der Nikolaustag wird hier nicht gefeiert, umso ausgiebiger aber Julefrokost. Es ist ein ganz wichtiges Event in der Vorweihnachtszeit. Oftmals wird es auch mit mehreren Hundert Personen im Restaurant gefeiert. Zumeist ist es aber eher ein kleines, privates Fest. So wie das, an dem ich das erste Mal in meinem Leben teilnehmen durfte. Das war wirklich toll. Jede von uns sechs Frauen hat etwas zu dem Essen beigetragen. Und natürlich waren es fantastische, traditionelle, dänische Julefrokost-Leckereien, alle selbst zubereitet. Der erste Gang war ganz traditionell ein Fischgang. Da konnte ich köstliche kalte Speisen mit Hering, Lachs und Thunfisch probieren. Sodann folgte der Fleischgang mit selbstgemachter Leberpastete – eine Köstlichkeit – und Apfelmus mit Speck – ein echtes Geschmackserlebnis. Dem Fleischgang folgte der Käsegang mit dänischen und französischen Spezialitäten. Alle Gänge wurden mit verschiedenen Brotsorten gereicht. Den Abschluss fand unser Schmaus mit dem Dessert, das ich beisteuern durfte. Es hat allen gut geschmeckt. Und Kaffee gab es selbstverständlich noch hinterher. Wir tranken dänischen Schnaps und löschten den Schnaps mit leckerem Bier von der Insel. Julefrokost ist ein Fest, dass am Mittag beginnt. Die Sonne war lange untergegangen, als wir uns nach sechs Stunden trennten. Bei diesem schönen und heiteren Nachmittag durfte ich dabeisein, das war rigtig, rigtig godt, wie man hier sagt.

Gustav konnte endlich die Beleuchtung im Haus und Atelier installieren. Die Kartons mit unseren Lampen sind beim Umräumen wieder aufgetaucht – im Sommer hatten wir sie auch nicht wirklich vermisst… Nachdem die Dämmung und Renovierung des Ateliers noch einmal acht lange Wochen gedauert haben, bin ich jetzt endlich mit allen Sachen wieder drin. Nun kann es losgehen! Auch die Anzeigen sind geschaltet und die Faltblätter sind gedruckt. Alles steht bereit für ein schwungvolles Jahr mit besten Arbeitsbedingungen.

Vorerst genießen wir noch die Stille und Dunkelheit und freuen uns auf Weihnachtsbesuch. Das wird doch hoffentlich was! Alles weitere, auch ein Boot für Gustav, gibt es im nächsten Jahr, in unserem zweiten Jahr.

Kommt gut vertäut, warm eingepackt und windgeschützt durch die Pandemie.
Euch allen von Herzen ein schönes Weihnachtsfest mit allen, die euch lieb und teuer sind und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Glædelig jul og godt nytår!

Eure Hilda und Gustav