Forårsfeber

01.05.22

Google Translate übersetzt das Wort Frühlingsgefühle mit „Forårsfeber“. Das heißt wörtlich übersetzt Frühlingsfieber – das passt! Als wir vor ein paar Tagen von der Pølserbude in Marstal nach Hause radelten, begegneten uns lauter schöne, junge Menschen, in der beginnenden Dämmerung bereits leicht schwankend aber bester Laune. Es begann eine traumhaft schöne, aber kalte Vollmondnacht. In Marstal hatten wir gerade mit unseren ersten Gästen in diesem Jahr mit „Ristet Hotdogs“ die Saison eingeweiht. Der Ostersamstag (Karsamstag, flüstert meine Mutter mir gerade ins Ohr) ist ein fröhliches Fest in Dänemark. Morgens waren wir mit unseren Klassenkameraden schon bei herrlichsten Sonnenschein am Meer. (Das Wort „Klassenkameraden“ lassen wir uns übrigens immer wieder genussvoll auf der Zunge zergehen, es macht jung!) In ganz Dänemark treffen sich Familien und Freunde in großen Gruppen am Strand. Ein Feuer wird angezündet und es werden frische Eier im Meerwasser gekocht. Dazu gibt es natürlich ein köstliches, reichhaltiges Picknick. Schnaps, Bier und Kaffee fließt durch die durstigen Kehlen. Der fröhliche Ostersamstag endet gerne mit einer langen Nacht in der einzigen Disko der Insel, in Marstal. Das Wetter war so schön, der Vollmond schien so hell. Da ist der Strand sicher auch eine gute Alternative gewesen.

Der lange Winter ist vorbei. Und wenn sich die Insulaner von ihrem Riga-Kater wieder erholt haben, startet die Saison auf der Insel. Riga heißt der lokalpatriotische Schnaps auf Ærø, ein klebriges Zeug, dass ähnlich wie Fernet Branka schmeckt. Das Wetter ist herrlich. Überall brechen die Knospen auf. Wir waren sehr fleißig im Garten, haben neue Beete angelegt und den Platz vor meinem Atelier neu anlegen lassen. Im sonnigsten Teil des Gartens soll ein Platz entstehen, an dem wir uns gerne aufhalten und den Sonnenuntergang genießen können. Im hinteren Garten türmt sich ein riesiger Haufen Kompost, den wir mit dem Hänger von der Affaldstation geholt haben. An dem gefühlt einzigen Regentag der letzten Wochen hat Gustav den Kompost Schaufel für Schaufel vom Hänger in den Garten geschafft. Der Haufen wird langsam immer kleiner, der Kompost landet nach und nach auf den Beeten, die immer grüner werden. Gestern haben wir den ersten kleinen, dünnen, leckeren grünen Spargel verspeist, köstlich! Wir haben viele Stauden eingepflanzt und hoffen, dass sie gut anwachsen. Die Regentonne ist schon vollkommen leer und für die nächsten Tage kein Regen in Sicht.

Wo ist der Winter eigentlich geblieben? Ich habe gebadet, fast jeden Tag. Hättet ihr doch mit mir gewettet, ich hätte mit Bravour gewonnen. Schade, nun gehe ich leer aus, bin aber um ein schöne Erfahrung reicher. Das eisige Wasser auf der Haut und die zugewandte Gemeinschaft der badenden Damen sind eine kostbare Bereicherung. Wenn ich zurück auf den Winter blicke, der mir spätestens im März sehr lang und kalt wurde, blicke ich auf eine intensive Arbeitszeit im Atelier zurück und sehe mich abends am Webrahmen sitzen und weiche Schal weben. Meine Mohair-Schals sind der Renner in Ommel! Damit soll ich wohl weitermachen!

Es gab viel Sturm und Kälte. Einer der vielen Stürme riss einen Teil des Daches von unserem Wintergarten ab. Es dauerte einige Wochen, bis es endlich repariert war. Genug Zeit um darüber nachzudenken, wie wir den Wintergarten zukünftig nutzen möchten. Dabei kam heraus, dass wir unser Gewächshaus im hinteren Garten weggegeben haben. Unsere Tomaten wollen wir jetzt in dem reparierten Wintergarten ziehen. Dafür setzt ein Freund noch eine gebrauchte Schiebetür ein, die wir im Tausch für das Gewächshaus bekommen haben. So entsteht hier ein reger Tausch- und geldloser Warenhandel, der uns beiden sehr gut gefällt.

War im Winter die Pandemie noch das Gesprächsthema Nummer eins, ist Corona, nicht nur wegen des Krieges in der Ukraine, in den Hintergrund gerückt. Die Pandemie verlief in Dänemark ganz anders als in Deutschland. Im Januar kam es zu einem extremen Inzidenz-Anstieg, ausgelöst von Omikron BA.2. Es gab viele Krankenhausaufnahmen, aber wenig schwere Verläufe. Schon am 1. Februar wurden fast alle Restriktionen von den Behörden aufgehoben – verbunden mit dem Appell an die Bevölkerung, sich eigenverantwortlich vorsichtig zu verhalten. Die Inzidenz stieg in der Folge zwar weiter an, die Belastung der Intensivstationen nahm aber ab. Bestimmt ein Effekt der hohen Impfquote, vor allem der Älteren. Hier auf Ærø war die Inzidenz im Februar/März zeitweise bei über 6.000. Inzwischen gehen die Behörden davon aus, dass seit November über 70% der Bevölkerung infiziert waren und sich eine Herdenimmunität aufgebaut hat. Inzwischen rollt verspätet die altbekannte Grippewelle über das Land.

Die Sprachschule hat ihren Träger gewechselt. Das gab eine Weile Chaos und Verwirrung. Zu unserem Vorteil findet der Unterricht seitdem aber in Marstal statt, sodass wir am Meer entlang mit dem Fahrrad zur Schule radeln können. Dort sind wir in einer netten und interessanten Gemeinschaft aus 5 oder 6 verschieden Nationen. Wir nehmen uns heraus nicht an drei, sondern nur zwei Tagen am Unterricht teilzunehmen. Zum Glück ist das möglich. Es gibt so viel anderes, was wir gerne machen! Zur Zeit sitze ich an einem Referat über die Wikinger. Das finde ich eigentlich zu schwierig. Jedenfalls kaue ich mächtig daran herum. Ich hoffte die Fernsehserie „Vikings“ würde mir helfen. So lange die Herrlichkeit der starken, bärtigen Männer zu bewundern, ist aber harte Arbeit ganz anderer Art! Ende dieser Woche soll das Referat fertig sein. Gustav hat seines schon fertig, ich bin ganz neidisch. Beim ihm geht es um die Jahre 1830 bis 1920. Darin der Grenzkonflikt mit Deutschland, der in der Volksabstimmung 1920 endete. Gustavs Großeltern waren als deutsche Minderheit in Rødekro mit dabei. Sie zogen nach der Abstimmung nach Elmschenhagen bei Kiel.

Die unglaubliche Sensation der letzten Monate ist, dass uns die eierlegende Wollmilchsau in den Schoß gefallen ist. Wir können unser Glück noch nicht fassen. Wir warten ungeduldig auf den Juni, dann kommt Emma zu uns. Emma ist ein Catboat. Im Juni zieht es von meinem Cousin aus Hamburg zu uns nach Ærø. Ein Catboat ist das ideale Boot für uns. Es hat nur ein Segel, mit gehöriger Übung ist es mir also möglich, es einhand zu segeln, es hat den Motor, von dem Gustav geträumt hat – hörst du das leise tuckern in der Ferne? – das ist Gustav! Und es ist ein Schwertschiff, hat also kaum Tiefgang, ideal für das Sydfynske Øhav, in dem wir leben. Zu guter Letzt hat es einen richtig breiten Hintern, eine stabile Lage auf dem Wasser und eine kleine Kajüte für ein gemütliches Mittagsschläfchen. Inzwischen ist Gustav aktives Mitglied im Hafenverein. Der zweite Arbeitseinsatz im Hafen stand letztes Wochenende an. Gemeinsam waren wir bei der Generalversammlung in der Dorfkneipe Ommels Kro. Das war übrigens das Spreading Event in Ommel. Zum Glück hat es uns nicht erwischt. Dänemark hat ein noch aktiveres Vereinswesen, als Deutschland. Ohne Vereinsmitgliedschaften bist du hier nicht lebensfähig! Ich habe mir den Kunstverein ausgesucht – Überraschung! Beide Vereine sind sehr nette Gemeinschaften. Bei den jährlich stattfinden Generalversammlungen, die auch in der Wochenzeitung angekündigt werden, werden die Tagesordnungen straff und konzentriert abgehandelt. Danach beginnt mit einem gemeinsamen Essen auf Kosten des Vereins ein langer, geselliger Abend.

Am 9. April haben wir ein Konzert ganz anderer Art erlebt und waren begeistert. Im kommunalen Gemeinschaftshaus im Dorf Bregninge sollte ein Jazzkonzert mit einem Bassisten und einem Pianisten stattfinden. Für wenige Kronen mehr konnten wir uns zu einem Essen anmelden. Das haben wir einfach mal gemacht. Wir waren neugierig, was uns erwartete. Als wir ankamen, fanden wir einen Gemeindesaal bestückt mit großen Tischen für jeweils 12 Personen. Der Saal war erfüllt von fröhlichem Schnattern. Wir fanden noch drei Plätze (wir waren zu dritt unterwegs) an einem Tisch. Es dauerte nicht lange, bis wir mit unseren dänischen Tischnachbarn ins Gespräch kamen. Nach einer kurzen Begrüßungsrede und Applaus für die Köche wurde der leckere Hühnereintopf mit Reis hereingebracht. Die Dessertschüsseln standen noch auf dem Tisch, als das Konzert begann. Auf dem neu erworbenen Klavier konzertierte der auf der Insel lebende Pianist Søren Kristiansen mit dem Bassisten Thomas Fonnebæk, die gerade ihr neues Album ”The Touch” herausgebracht haben.
https://open.spotify.com/artist/5L95eSgntKToCVmVRZUeZx?si=GjBg8xweQr61XEPmj-tpHQ

Soft Winds – YouTube

Ein tolles Konzert, so gemütlich und unprätentiös. Wir haben uns richtig wohlgefühlt und waren von der Musik begeistert.

Es war der Abend des ersten Ausstellungstages meiner ersten Ausstellung auf Ærø, gleichzeitig meiner ersten Ausstellung in meinem Atelier. Ich stellte eine Woche zusammen mit der Keramikerin Gundi Bindernagel aus Hamburg aus. Es war eine gelungene Ausstellung. Gundi hat gut verkauft und meine Schals waren der Renner. Meine neuen Bilder bekamen viele anerkennende Worte und ich freue mich über das Angebot im kommenden Jahr in Marstal auszustellen und über neue Bekanntschaften aus der Inselkunstszene. Inzwischen denke ich über die zweite Ausstellung in meinem Atelier nach. Sie soll im Juni stattfinden.

Gustav und ich sind nun gespannt, wie wir die Saison 22 erleben werden. Wir freuen uns auf das Boot Emma. Ich freue mich auf wärmeres Wasser in dem ich auch wieder schwimmen kann. Und natürlich freuen wir uns auf unsere Gäste aus Deutschland.

Vi ses og velkommen til Ærø!