Ein Bilderbuchsommer

07.09.22

Nordlichter und schwarze Sonne

Offiziell hat in Dänemark der Herbst schon begonnen. Anders als in Deutschland, wo es zwei Starttermine gibt, einen traditionellen und einen meteorologischen, hält man sich hier einfach an die meteorologischen Jahreszeiten. Hier beginnt der Herbst am 1. September. Die Sonne geht schon merklich früher unter und später auf. Das hat den Vorteil, dass wir hier den gigantischen Sternenhimmel zu einer angenehmeren Zeit bestaunen können. Gerade ärgern wir uns zum zweiten Mal darüber, dass wir das Nordlicht verpasst haben, dass auf der Insel zu sehen war. Es soll eine App geben, die uns vorwarnt. Die brauchen wir unbedingt. So gerne möchte ich das Nordlicht einmal sehen. Wie auch die „schwarze Sonne“. Die „schwarze Sonne“ ist das „Stareballett“, dass um diese Zeit an der Nordseeküste mit zehntausenden Staren stattfindet. Schon, als wir noch in Deutschland wohnten, wollte ich es unbedingt sehen. Ob es wohl diesen Herbst etwas wird?

Wasserpreise und Trockenheit

Der Sommer war wunderschön. Schon seit Wochen scheint die Sonne jeden Tag. So manche neu gepflanzte Staude hat leider ihr Leben lassen müssen. Als nach wenigen Wochen unsere einzige Regentonne bis auf den Grund geleert war, war es aus mit dem Blumengießen. Einzig der frisch gesäte Rasen unter dem Walnussbaum wurde von Gustav mit täglichen Wassergaben bedacht. Wir haben keinen Brunnen, nur eine Regentonne und das kommunale Wasser kostet siebenmal so viel wie in Deutschland. Da müssen wir dringend mit Regentonnen aufrüsten und für den Garten robustere Pflanzen wählen. Auch hier auf Ærø wird die Trockenheit inzwischen zu einem Problem. Nun ist es September und nicht nur die Bauern warten auf den Regen. Das Wasser der Ostsee, besonders an der Westküste, dort wo die schöne Steilküste ist, ist in diesem Spätsommer sauerstoffarm und voller Algen. Bei meinem täglichen Bad mit den Badedamen halten mich die vielen Algen davon ab, hinaus zu schwimmen. Auch wenn Gustav und ich mit dem Segelboot ablegen, kämpfen wir mit den Algen, die sich in den Seilen verheddern. In Dänemark wurde der Wärmerekord von mehr als sieben Tagen über 28 Grad noch gefeiert. Das wäre in Deutschland kein Grund mehr zu feiern. Es gab nicht wenige Tage, an denen wir beiden sehr froh waren, dass es hier auf Ærø nur 26 Grad warm war. Nun, das ist ja auch ein wichtiger Grund für uns gewesen nach Ommel zu ziehen.

Unter dem Walnussbaum steht jetzt eine Bank, die sofort zu unserem Lieblingsplatz geworden ist. Im lichten Schatten lässt es sich dort bestens plaudern und planen.

Der Sommer ging schnell dahin

Wir haben den Bilderbuch-Sommer mit vielen Freunden verbracht. Sie kamen mit dem Fahrrad, dem Boot, dem Wohnmobil oder dem Auto. So haben wir interessante und gemütliche Abende mit und ohne Lagerfeuer, viele schöne Ausflüge, Wanderungen an der Steilküste, Strandspaziergänge und Inseltouren gemeinsam mit Freunden genossen. Manchmal mussten unsere Gäste auch mit anpacken oder halfen mit guten Tipps oder leckeren Speisen. Emma, DAS BOOT, kam am 1 Juni. Segeln wurde sofort unsere neue und alte Leidenschaft. Inzwischen sind unsere Ab- und Anleger im Dorfhafen schon fast souverän, gleichzeitig vergrößert sich unser Revier zunehmend. Nächsten Sommer trauen wir uns eine Tour über mehrere Tage zwischen den Inseln vor unserer Haustür zu unternehmen. Das ist schon abgemachte Sache! Jetzt, im September nutzen wir jede Gelegenheit einen Schlag raus zu segeln, bevor es kalt und stürmisch wird.

Gustav ist wacker den ganzen Sommer zur Schule gegangen, während ich eine Sommerpause gemacht habe. Im Atelier konnte ich mit mehreren kleinen Ausstellungen Präsenz zeigen und tatsächlich wurde mein Atelier auch von etlichen Inselgästen wahrgenommen. Café, Kneipe, Konzert, Jazzfestival, helle Nächte, Fahrradtouren, Ausstellungen, dass alles bietet die Ferieninsel Ærø ja auch für uns. Wir wussten es zu nutzen! Dafür mussten die NordArt, die Biennale und die Dokumenta 15 ohne uns stattfinden. Unsere Pläne sind gut voran gekommen und nehmen jetzt wieder an Fahrt auf. Gerade hat ein „Inselfreund“ den Wintergarten renoviert. Endlich hat die Schiebetür richtige Fenster bekommen. Nun sind wir dran mit Anstreichen und Einrichten des Wintergartens während wir gleichzeitig die süßen Tomaten ernten. Der Herbst ist auch die beste Zeit um Veränderungen im Garten voran zu bringen. Ich muss mich nach langem Überlegen endlich entscheiden, was aus dem hinteren Gartenteil werden soll. Im Moment hören wir die Bauarbeiten von einem Neubau hinter dem Haus. Das wäre überhaupt nicht schlimm, wenn die beiden Maurer nicht so einen schrecklichen Musikgeschmack hätten!

Irgendwann möchte ich auch mal wieder in den Urlaub fahren, obwohl sich das wirklich unpassend anhört!

Wir werden Ommelitter

Wer in Ommel wohnt, wird in Witzen und Liedern Ommelitter genannt. Ist wohl ein spezielles Völkchen. Hier wohnen wir nun und langsam lernen wir immer mehr Leute kennen. Dieses Jahr haben wir uns schon an den Dorfaktivitäten beteiligt. Gustav stand am Würstchengrill (wer Gustavs Liebe zum Grillen kennt, wird es nicht glauben können!) während ich in der Kaffeebude stand. Jedes Jahr im Juli findet im Hafen Kleven ein großes Kanuten-Treffen statt. In einem früheren Blogbeitrag habe ich schon davon berichtet. Die große Wiese war wieder voller Zelte mit Salzwasserkajakfahrer*Innen. Bei der Durchführung dieses Treffens hilft das ganze Dorf mit. Die Wiese wird gemäht und hergerichtet, große Zelte aufgebaut, Waschbecken im Hafen installiert und Bier, Würstchen, Kaffee und Kuchen angeboten. Das große Lagerfeuer am Hafen zu St. Hans im Juni, war wieder ein schöner Abend mit vielen Dorfbewohnern, aber auch Gästen und Urlaubern.

In drei Tagen nehmen wir zum zweiten Mal am Begrüßungstag für neue Dorfbewohner im Dorfgemeinschaftshaus teil. Diesmal bringe ich Brötchen mit zum Brunch. Wir werden sehr viel mehr Leute kennen und auch ein bisschen mehr dänisch sprechen, als im letzten Jahr. Die Einheimischen, mit denen wir uns unterhalten, sind zwar immer noch sehr geduldig, aber spätestens wenn wir vor Weihnachten unsere Abschlussprüfung im Sprachkurs machen, ist unser Welpenschutz wohl vorbei.

Normalität übernimmt die Macht

Gustav und ich bemerken beide, wie sich die Anfangseuphorie legt. Wir nehmen die Insel und deren Bewohner nach und nach mit anderen Augen wahr und bemerken Details, von denen wir noch nicht wissen, wie wir damit umgehen sollen. Ich selbst habe oft Sehnsucht nach meinen Freunden und unseren Kindern in Deutschland und finde die Entfernung häufig schmerzlich groß. Es sind nicht nur die Kilometer, sondern auch die aufwändige Anfahrt. Als eine Freundin ihren Besuch absagte, weil sie wegen ausgefallener Züge umkehren musste, war das für mich ein harter Schlag. Ich muss also noch einen Weg finden, der für mich auch langfristig ein guter ist. So sehr wir uns über die vielen Besuche gefreut haben, wissen wir auch, dass es immer eine Ausnahmesituation ist, die sowohl anstrengend, als auch weit entfernt ist von dem, was einen alltäglichen freundschaftlichen Kontakt ausmacht. Zugleich wachsen hier neue zarte Pflänzchen der Freundschaft heran. Die fremde Sprache lässt sie allerdings nur langsam gedeihen. Zum Glück haben wir über den Sprachkurs auch viele nette Kontakte knüpfen können, von denen einige bestimmt Freundschaften werden können.

Vor uns liegt die stille Zeit

Seit einer Woche habe ich das Weben am Gatterkammrahmen wieder aufgenommen. Das ist die Tätigkeit, die ich so sehr mag, wenn es hier still und dunkel ist. Wir staunen gerade darüber, dass es abends um 8 Uhr schon dunkel wird, aber bald wird es ja noch viel früher dunkel. Im Ort Marstal können wir deutlich spüren, dass die Saison vorbei ist. Die Häfen leeren sich, im Supermarkt wird wieder dänisch gesprochen und die ersten Restaurants und Geschäfte schließen ihre Türen bis zur kommenden Sommersaison. Die untergehende Sonne wandert von Nordwesten wieder zurück nach Südwesten. Das Wasser in der Ostsee ist schon richtig frisch, vor allem wenn, wie heute, der starke Wind aus Osten kommt, finden wir Badedamen es richtig kalt! Gustav und ich werden noch wunderschöne Spaziergänge an der Steilküste machen und mit unseren letzten Gästen den Winter begrüßen. Dann melden wir uns wieder!

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.