Wir sind angekommen

16.12.22

Gerade komme ich von einem Adventskonzert aus der Kirche in Marstal nach Hause. Mit dabei war einer der vielen Inselchöre. Ich kenne schon einige aus diesem Chor und überlege, ob ich mitmachen soll. Genau genommen bin ich schon fest eingeplant. Es fehlt nur noch ein winziges Quäntchen Entschlusskraft meinerseits. Mir gefällt gut, dass der Chor nur im Winterhalbjahr probt; und natürlich könnte ich im Chor gut weiter dänisch lernen. Die Schule haben wir nämlich mit der bestandenen Prüfung abgeschlossen. Jetzt müssen wir selber sehen, wie wir weiter lernen können.

Ich habe den Chor ins Auge gefasst, während Gustav Interesse an der „Motorfabrik Marstal“ hat. Das ist eine stillgelegte Bootsmotoren-Fabrik, die in den letzten Jahren zum Kulturzentrum umgestaltet wurde. In diesem Sommer wurde die Eröffnung mit einer großen Party gefeiert. Es gibt einen Förderverein und interessante Veranstaltungen und Kurse dort – kommt mir ein kleines bisschen bekannt vor!

Der Herbst ist wie im Fluge vergangen. Anfang Oktober kam Emma aus dem Wasser. Unsere Verwandten kamen und halfen uns. Nun steht das Boot neben dem alten Auto vor dem Haus und wartet auf die nächste Saison. Ich erinnere noch die vielen, vielen Walnüsse, die wir geerntet, gewaschen und zum Trocknen aufgehängt haben. Sie hängen jetzt im renovierten Wintergarten. Der Herbst war geprägt von der Gartenarbeit und der Schule, die wir ja kürzlich beendet haben. Derweil ist es Winter geworden. Vor ein paar Tagen lag morgens Schnee und es wehte ein kalter Wind. Das war bisher der kälteste Badetag mit nur einem Grad Wassertemperatur. In den letzten Tagen ist es kalt geblieben, das Wasser in dem kleinen Bootshafen ist schon zu Eis erstarrt. Da habe ich gekniffen und nicht gebadet. Das ist selbst mir zu kalt!

Zum Abschied holen Gustav und ich noch einmal ganz weit aus und versuchen von den Unterschieden zwischen Dänemark und Deutschland zu erzählen, die wir in unseren beiden Jahren auf Ærø schon beobachten konnten. Wir schildern unsere persönlichen Eindrücke, die keine Allgemeingültigkeit haben:

Regieren und Streiten
Grönland und die Faröer
Fællesskab – Gemeinschaftssinn
Du“ statt „Sie“ und geschlechtersensible Sprache

Regieren und Streiten

Dänemark ist in etwa so groß wie Niedersachsen. Anders als in Deutschland gibt es kein föderales System. In Dänemark gibt es Regionen und Kommunen, wobei die Kommunen deutlich größer sind als in Deutschland. Ærø gehört mit Fyn, Langeland und Teilen Jyllands zur Region Syddanmark. Wer sich für die genauen Zuständigkeiten interessiert, kann das leicht bei Wikipedia nachlesen. Insgesamt ist der Einfluss der Regionen auf die Landespolitik gering. Es handelt sich im wesentlichen um eine Verwaltungsorganisation. Das Land wird zentral von Kopenhagen aus regiert. Entsprechend schnell werden Beschlüsse aus Kopenhagen überall im Land umgesetzt. Ein heiß umstrittenes Beispiel ist die Keulung der Nerze zu Beginn der Corona-Pandemie. Dieser Beschluss wird inzwischen als Fehler angesehen. Vor kurzem wurde in der Folketingwahl Mette Frederiksen als Ministerpräsidentin bestätigt. Nach zähen Verhandlungen gibt es seit wenigen Tagen eine Koalition mit den „Venstre“ (venstre= links, ist aber liberal-konservativ) und der neu gegründeten Partei „Moderaterne“. Mette Fredriksen gehört zur Partei „Socialdemokraterne“. Zusammen bilden sie eine Koalition der Mitte, wie es so prima heißt.

Erst Anfang Oktober wurden in Dänemark Neuwahlen beschlossen und Anfang November schon durchgeführt. Nur gut vier Wochen dauerte der Wahlkampf! Dabei konnten wir die Unterschiede zu Deutschland gut beobachten. Alles verlief sehr gesittet, sogar die Fernsehdebatten mit Vertretern aller 14 Kandidatenparteien endeten nicht damit, dass sich alle gegenseitig ins Wort fielen, sondern blieben für uns erstaunlich informativ. Den gleichen ruhigen und konzentrierten Stil hatten wir auch bei Kontroversen während einer Jahreshauptversammlung in einem Verein in Ommel erlebt.

Anfangs hatten wir große Schwierigkeiten die Figuren der TV-Serie „Borgen“ nicht mit denen der Realität zu verwechseln. So realistisch wurde der Politik-Betrieb in Kopenhagen beschrieben. In der letzten Staffel von „Borgen“ geht es um Grönland. Und tatsächlich war das auch für die Wahl im November ein entscheidendes Thema.

Grönland und die Faröer

Dänemark, Grönland und die Faröer bilden das Königreich Dänemark. Alle drei haben eine eigene, unabhängige Regierung. Grönland und die Faröer haben jeweils zusätzlich zwei Sitze im dänischen Folketing. Weder Grönland noch die Faröer sind Mitglied in der EU. Die Abgeordneten aus Grönland und den Faröern sicherten bei der Wahl im November eine eher linke Mehrheit, woraufhin die bisherige Staatsministerin von der Königin den Auftrag erhielt eine Regierungsmehrheit zu untersuchen – so formuliert man es hier. Faktisch geht es um die Bildung einer Koalition. Mitte der Woche erst wurde die Untersuchung abgeschlossen. Grönland ist unter anderem wegen seiner Bodenschätze und der kolonialen Geschichte Dänemarks bedeutsam. Eine Nachbarin, die gerade für ein paar Wochen in Grönland gearbeitet hat, erzählte, dass sich Grönland in den letzten Jahren von Dänemark stark abgesetzt hat. Die dänische Sprache ist inzwischen in Grönland und den Faröern nicht mehr die Landessprache. Ereignisse in diesen beiden Ländern werden in den Nachrichten aber ausführlich berichtet, aus den Faröern z.B. aktuell die Anlegerechte russischer Fischtrawler in Tórshavn. Über den Besuch der Königin Margarete in Grönland wurde bis ins kleinste Detail berichtet.

Fællesskab – Gemeinschaftssinn

Wir haben schon in der Sprachschule im Exkurs Dänische Kultur gelernt, dass die sogenannten Højskolen für die Erwachsenenbildung in Dänemark eine große Rolle spielen. Entstanden ist diese Kultur der zunächst konfessionellen, inzwischen meist privaten Erwachsenenbildungsstätten im 19. Jahrhundert. Der Gründungsvater Grundtvig (ein evangelischer Pastor) muss ein sehr umtriebiger Mann gewesen sein. Er hat nicht nur viele Lieder geschrieben und komponiert, sondern auch die Pädagogik der Højskolen so stark geprägt, dass sie bis heute lebendig ist. Überall im Land gibt es diese Schulen, die sich auf verschiedenste Themen spezialisiert haben. Auf Ærø gibt es zum Beispiel eine Kunsthøjskole. Das Wort Højskole ist nicht zu verwechseln mit der Bezeichnung Hochschule in der deutschen Sprache.

Als ich mit einer kleinen Gruppe kunstinteressierter Frauen eine Zoom-Vortragsreihe einer Højskole über die sechs bedeutendsten Kunstmuseen in Dänemark anschaute, konnte ich, zwar nur online, aber dennoch beeindruckend, diese spezielle Kultur erleben. Alle Teilnehmer beginnen damit gemeinsam zu singen. Dann beginnt ein eineinhalb-stündiger Vortrag, mit Bildern illustriert, über eines der großen dänischen Museen. In der Pause gibt es eine kleine, angeleitete Gymnastikeinlage. So haben wir also gemeinsam abends in unserem Wohnzimmer gesungen und geturnt. Das war lustig und ein tolles gemeinsames Erlebnis.

Das gemeinsame Singen gehört in Dänemark zur Kultur. Es ist fester Bestandteil im Schulalltag und auch bei Vereinsversammlungen oder im Dorfgemeinschaftshaus wird vor und nach dem Kaffee oder der Tagesordnung gemeinsam gesungen. Nicht selten ein Lied von Grundtvig. Es gibt niemanden, der behauptet nicht singen zu können. Jeder tut es einfach.

Gelegentlich wird ein „Fællesang” angeboten. Freunde, Nachbarn und Familien treffen sich in einem Versammlungsort oder einer Kirche und singen gemeinsam. Das ist gar kein großes Ding, so wie etwa das „Rudel-Singen“ im Theater in Deutschland, dass in den letzten Jahren so beliebt wurde. Es steht auch kein Zampano auf der Bühne, sondern ein örtlicher Chorleiter hilft und leitet.

Auch das „Fællespisning”, wird hier gerne veranstaltet. Gemeinsam werden die mitgebrachten Leckereien gegessen, dazu Kaffee getrunken (und Schnaps) und bestimmt auch gesungen. Manchmal kannst du dich auch zu einem zubereiteten Essen anmelden. In einem früheren Blogbeitrag habe ich schon von einem Konzert mit gemeinsamen Essen erzählt. Traditionell wird es hier auch am Silvesterabend angeboten und auch zur dänischen Weihnachtsfeier mit Freunden oder Kollegen wird gemeinsam gegessen. Jetzt in der Vorweihnachtszeit gibt es aller Orten „Julefrokost“. Dieses Jahr hatten wir bei uns zur „Julefrokost“ eingeladen. Es war eine fröhlicher Mittagsbrunch mit 8 Gästen, der bis zum Sonnenuntergang ging. Es gibt auch ein „Fællespisning” für einsame Mitbürger. Hier erscheinen nicht nur einsame Menschen plus einer Hand voll Sozialpädagog*innen, sondern es ist eine beliebte und von vielen Bürger*innen besuchte Veranstaltung, zum Beispiel in einem Hotel.

Meiner Meinung nach ist dieser Gemeinsinn, neben der zentralen Regierung und dem durchorganisierten Gesundheitssystem, Ursprung der sehr früh hohen Impfquoten. Sich impfen zu lassen um andere nicht anzustecken oder die Krankheit zu verbreiten war ein stärkeres Argument als eventuelle Nebenwirkungen der Impfung.

Du“ statt „Sie“ und geschlechtersensible Sprache

Die dänische Gepflogenheit sich mit „Du“ und dem Vornamen anzusprechen ist noch gar nicht so alt. Sie kommt aus den 70iger Jahren des letzten Jahrhunderts. Diese sprachliche Veränderung führte dazu, dass der Kontakt miteinander herzlicher und entspannter geworden ist. Auch die Hierarchien sind angeblich flacher. Es macht schon einen Unterschied, ob die Journalistin die Staatsministerin im Interview mit Du oder Sie anredet, auch die Antworten fallen anders aus. Hierarchien gibt es aber mit Sicherheit trotzdem. Gustav und ich sind hier nicht in Kollegien eingebunden. Aber ich bin sicher, wir würden in so manches Fettnäpfchen treten, weil wir Signale übersehen würden. Es kursiert der Witz, dass einzig der Chef der Reederei Mærsk erwartet mit „Sie“ angesprochen zu werden. Ansonsten ist das „Sie“ (De) der Königin Margarete (und ihrer Familie?) vorbehalten.

Dafür fehlt scheinbar die Differenzierung zwischen weiblichen und männlichen Bezeichnungen. Das wird durch die dänische Sprache begünstigt, die im deutschen Sprachsinn keine weiblichen und männlichen Artikel kennt. Es gibt nur Substantive, die eine t-Endung, und welche, die eine n-Endung haben. Diese Artikel sind nicht mit einem Geschlecht assoziiert. Natürlich gibt es auch ein „Sie“ ein „Er“ und ein „Es“, das wirkt sich sprachlich aber nicht auf ein Substantiv aus. Es gibt z. B. nicht die Bezeichnung „der Arzt“. Das Wort ”lægen” für ”der Arzt” gibt sprachlich keinen Hinweis auf das Geschlecht. So wenig wie „sproget“, übersetzt: „die Sprache“, einen Hinweis auf das Geschlecht gibt. Dennoch gab es früher weibliche und männliche Berufsbezeichnungen. Die sind aber zeitgleich mit dem Wechsel von „Sie“ auf „Du“ weggefallen. Der Weg zu einer geschlechtersensiblen Sprache hat in Dänemark die Sprache eher vereinfacht.

Nach und nach werden wir noch viel mehr Neues hier entdecken. Im Alltag vermeiden wir es aber das dänische Leben fortwährend mit dem deutschen zu vergleichen. An dieser distanzierten Sichtweise bin ich nur wenig interessiert. Ich glaube wir haben vorerst einen guten Anfang gefunden. Wir hatten wirklich großes Glück so nette Menschen kennengelernt zu haben, ja, wir sind hier in Dänemark angekommen. Der Kreis schließt sich, der Blog auch. Nun soll, wer wissen möchte wie es uns geht anrufen, schreiben oder vorbeikommen! Wir hoffen, ihr bleibt uns nah!

Wir verabschieden uns mit ein paar Winterimpressionen von der Insel!